Die Lust am Singen

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„Du machst Kleinholz“, „Über meiner Heimat Frühling...“, „Land der dunklen Wälder...“ oder „König in Thule“. Der wissende Leser, der diese kurzen Textpassagen liest, erkennt sofort, daß es sich hierbei um Lieder handelt, die zum Teil zum sogenannten „bündischen“ Liedgut zählen. Der Fachkundige kann in dem letzten Beispiel sogar ein Gedicht von Goethe erkennen.

Ich vermute aber, daß der Großteil über diese Textzeilen hinweg gelesen hat und sich dachte, was ist denn das???? Liedtexte wie z.B. „Skandal im Sperrbezirk“ oder „Über den Wolken...“ sind da schon geläufiger. Kann aber jeder die Lieder sofort aus dem Stegreif ansummen bzw. singen? Hieran scheitert wahrscheinlich die Masse. Nur ein paar Protagonisten halten hier noch den Finger nach oben und packen eventuell sogleich ihr Musikinstrument aus.

Geht in unserer Spaß- und Konsumgesellschaft mehr und mehr die Lust zum Singen unter? Lassen wir uns von sogenannten Castingsshows erheitern, in denen zum Teil von vor Selbstbewusstsein strotzenden Menschen, Lieder vorgetragen werden, bei denen sogar die ungeübten Hörer sofort den Lautstärkeregler an der Fernbedienung nach unten schiebt oder die Ohrenschmalzproduktion drastisch nach oben gefahren wird. Der Otto-Normalverbraucher schaut mit funkelnden Augen zu diesen sogenannten „Stars“ auf. Herangezüchtete und geformte „Idole“, die jedoch austauschbar sind. Zum Teil auf manipulierte Weise an die Spitze der Charts gezogen. Die Musikindustrie, der es ja so schlecht geht, hat uns eigentlich vollkommen in der Hand. In unserer schnellebigen Welt wird man immer wieder belächelt und hört den Ausspruch: „Was, du singst? Ehrlich? Was für Lieder denn? Was? Von wem ist denn das? Etwa ,Tokio Hotel´?“

In welchen Sippen oder Stämmen wird also noch gesungen? Die wenigsten Akelas/Sippenführer lassen ihre Wölflinge/Sipplinge in ihren Meuten-/Sippenstunden noch Lieder in ein Liederbuch eintragen. Die Wölflinge/Sipplinge sagen vielleicht dann auch noch, daß es bereits Liederbücher zu kaufen gibt und den Streß mit dem Einschreiben läßt man dann lieber sein. Historisches (sowie auch „bündisches“) Liedgut geht mehr und mehr verloren. Obwohl das Singen am Lagerfeuer für die meisten dazugehört, wie das Amen in der Kirche, hört man in einem Lager immer weniger die Stimmbänder vibrieren. Vielmehr muß eine Beschallungsanlage herhalten um den Raum zu verunreinigen. Außerdem wird man sofort als Weltwunder kritisch beäugt, wenn man als Gruppe von fünf Personen eine Menschenmenge von mehreren sich unterhaltenden Personen übertönt. Dies sollte jedoch nicht im Gebrülle ausarten um überhaupt Gehör zu finden.

Heißt jetzt aber „Singen“, daß man hierbei ohne jeglichen Mißklang und steril rein die Stimme erhebt oder singt man einfach nur aus Spaß, weil einem die Melodie gefällt? Will man die sogenannten Stars einfach bis ins kleinste Detail kopieren und deren Lieder trällern oder singt man das Lied ohne überhaupt zu wissen, von welchem Künstler oder Künstlerin es stammt? Singt man überhaupt freiwillig oder macht man es, weil es die Gruppe fordert.

Es gibt sicherlich noch viele Intentionen, die der einzelne für sich entdeckt. Egal was man singt, wo man singt, mit wem man singt:

Singen soll Spaß machen und deshalb sollte man es auch zeigen!!

-M.S.-

 

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Article | by Dr. Radut